Gott Vishnu schläft. Auf dem "kosmischen Ozean" bzw. "im Weltenmeer". Wir besuchen Budhanilakantha, um eine der wichtigsten Vishnu-Figuren Nepals zu bestaunen. Priester schmücken und bekleiden den Stein-Vishnu, dann um 9 Uhr wird er lauthals mit Schellen und Glocken geweckt. Ein feierlich-lautes Spektakel auf dem Platz, ruhige Prieser im Heiligtum bei Vishnu. Der Gott bewegt sich nicht. Und zum Glück auch nicht die Schlangen aus Stein, von denen er umgeben ist.
Auf dem Platz rund um das hinduistische Heiligtum sitzen zwei Brahmanen (Priester), die mit heiligen Schnüren, bunten Farben, wunderbaren Blumen und geweihtem Wasser ausgerüstet sind, um den halbwüchsigen Sohn der Gläubigerin von seinem Leid zu heilen. Ruhiger Hinduismus am Morgen.
Shivas Lingam
Ja, was ist das denn, ein Lingam? Auch was Heiliges. Wir sehen es beim schlafenden Vishnu - obwohl es zu Gott Shiva gehört, also wird auch Shiva dort verehrt. Und es steht auch im Tempel von Pashupatinath, den wir als Nicht-Hindus allerdings nicht betreten dürfen. Zitieren wir aus einem der Reiseführer: "Der Shiva-Lingam ist das Fruchtbarkeitssymbol Shivas, der aus einer Yoni ragt, dem Symbol für das weibliche Prinzip." Also: Ein Er (lang und hoch), der in ihr (rund und flach) steht. Beide aus Stein.
Verbrennung der Toten
Ich sollte über die Bedeutung des Tempelkomplexes schreiben, über seine Grösse und dass der Tempel (mit eben jenem Shiva-Lingam) das wichtigste Hindu-Heiligtum Nepals ist. Es ist in jeder Hinsicht beeindruckend. Aber ich muss zuerst vom Rauch schreiben. Vom Rauch dieses Mal weniger von den Räucherstäbchen als vielmehr vom Rauch der Verbrennungen. Man konnte nicht riechen, was genau da verbrannt wurde, aber überall hing dieser Rauchgeruch. Vor allem, weil wir lange gegenüber von den Verbrennungen auf einem Hügel (leicht makabrer Beigeschmack, wenn man von "Promenade" spricht) standen. Doch der Reihe nach.
Am Anfang sieht man zahlreiche bunt gekleidete Witwen, die hier in der Tempelanlage eine Zuflucht gefunden haben. Dann geht's den Weg runter zum Fluss, über den zwei Brücken führen. Im Wasser schwimmt einiges, von dem wir nicht genauer wissen wollen, was - an diesem Ort des Todes. Am Flussufer sind eine Art grosser Steintische eingearbeitet, auf die Holz gelegt wird. Darauf werden die Toten aufgebahrt. Das Holz wird angezündet. Scheiterhaufen. In unserer Kultur ein schrecklicher Beigeschmack. Aber hier sind Verbrennungen von Toten völlig normal. Im Christentum wird man beerdigt, im Hinduismus wird man verbrannt. Witwenverbrennungen sind - den Göttern sei Dank - seit langem verboten.
Ich habe einige Fotos gemacht, musste einen Teil aber wieder löschen, weil ich allein bei ihrem Anblick noch den Rauchgeruch in der Nase hatte. Und das Zoombild auf einen Scheiterhaufen braucht auch kein Mensch. Obwohl man ja nichts sieht als brennendes Holz. ... eine westliche Touristin ist dabei, sich zu sortieren.
Asche auf den Lebenden
Wie erfreulich, dass da just ein Sadhu hinter uns bei einem kleinen Tempelchen hockt und uns in Trinkgeld-Vorfreude angrinst. Der Kollege Mitreisende hat praktischerweise das kleine Sümmchen fürs Shooting bereits berappt, so dass seine Frau und ich auf den Auslöser drücken dürfen.
Überhaupt diese Wesen der Sadhus ... leben sie noch oder sind sie schon tot? Oder einfach nur stoned? Asketen heissen sie wohl auch, zumindest einige. Nicht nur frisurtechnisches Vorbild ist der hier in Pashupatinath ansässige Shiva-Gott. Was es mit dieser Bemalung und der Asche auf der Haut der Sadhus auf sich hat ... noch nicht verstanden. Bei einigen ist wohl Haschisch im Spiel, kein völlig abwegiger Gedanke, wenn man die Herrschaften sieht. Aber wie man sieht, sehr freundlich und gut drauf.
Gib dem Affen Nüsse
Und dann noch die Geschichte vom Affen. Unser lieber Frank - seines Zeichens Reiseleiter mit indisch-deutschen Wurzeln und somit in der nepalesischen Kultur so gut wie zuhause - sitzt also lässig mit seiner Tüte voller Nüsse auf der Brüstung der Promenade und kaut genüsslich sein Frühstück vor sich hin, während wir dabei sind, all die Eindrücke zu verdauen. Als da, wie von der Tarantel gestochen, Monsieur aufspringt und zur Seite rennt. Nicht jedoch ohne geistesgegenwärtig seine Nüsse als Opfergabe dem anrückenden Affen vor die Füsse zu werfen. Zufrieden packt der Affe die noch halbvolle Tüte, hockt sich hoch oben auf die Brüstung und kaut an des Franks statt weiter sehr genüsslich an den Nüssen ...
Nach einer gefühlten Ewigkeit an diesem Ort des Rauchs tauchen all unsere Fotografen wieder auf. Noch nie ausserhalb eines Fotogeschäfts hab ich eine solche Dichte an gewaltigen Kameras um mich rum gehabt. Unter 15 cm Objektiv geht bei dieser Reise gar nix. Meine geliebte kleine Lumix kann nur als mickrig bezeichnet werden in dieser Gesellschaft. Aber tolle Fotos macht sie trotzdem. Die Frauen in leuchtenden Saris am grauen Strassenrand - ein Lieblingsfoto.
Wir verlassen Shivas Heiligtum. Und noch ein kleiner Abstecher zu einer nepalesischen Grundschule, wo wir unsere Nase in die kleinen und einfachen Klassenräume stecken und uns über die Minis amüsieren, die gleich die Fotos auf den Digikameras angucken wollen.
Auf zu einem wahrlich beglückenden Heiligtum. Dazu muss nun Buddha ins Spiel kommen.
Rechts um die Stupa von Bodnath
Stupa von vorne, Stupa von hinten, Stupa von der einen Seite, Stupa von der andern Seite. Sie ist mit 40 Metern Durchmesser eines der grössten buddhistischen Bauwerke der Welt. Ihr Grundriss ist einem tibetischen Mandala nachempfungen. Mandalas haben unter anderem etwas mit Symmetrie zu tun - Kreise und Vierecke und Dreiecke. Bodnath ist das wichtigste Heiligtum der tibetischen Buddhisten.
Gebetsfahnen flattern im Wind. Leuchten in der Sonne. Arbeiter malen des Buddhas Augen frisch an und dekorieren die Stupa mit neuen Stoffen. Und auch hier werfen sie in Eimern Farbe auf die Stupa, damit das Lotussymbol entsteht. Immer wieder hören wir buddhistische Mönche Mantras singen. Friedlich. Freudig. Farbig. Ein Stück Tibet in Nepal.
Warum bin ich nach Nepal gekommen? Ich glaube wegen des Himalaya und der Gebetsfahnen. Somit erstehe ich tibetische Gebetsfahnen. En gros - eine Packung mit fünf Stück, natürlich die richtig grossen. Keine Ahnung, wen und was ich damit beglücken werde. Gekauft in einem Tempel in Bodnath. Fünf Stück farbenfrohe Lebendigkeit für zuhause. Und ein Mandala kaufe ich auch gleich noch, genauer gesagt heisst es Thanka, denn es ist tibetisch. Seine Grundfarben sind Orange und Gold. Handgemalt, die Details nur mit der Lupe erkennbar. Ein Kunstwerk.
Lange verweilen wir an diesem schönen Ort.

















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