Sonntag, 21. November 2010

Kids of Africa









Als Karen Blixen Afrika zum ersten Mal verliess, wusste sie nicht, ob sie wiederkommen würde. Doch Afrika war ihre Heimat geworden. Ich will mich nicht mit der echten oder der Romangestalt vergleichen, aber ich hab gerade in etwa die Stimmungslage, die dem "Jenseits von Afrika" Film entspricht, wenn Meryl Streeps Synchronstimme spricht, im Off, während eine wundersame Musik spielt und die üppige Landschaft Kenyas gezeigt wird: Ich möchte die Schönheit der Landschaft aufsaugen, hier an diesem idyllischen Ort unweit des Viktoriasees, zwischen Kampala und Entebbe. Es ist warm, die Sonne scheint jeden Tag, nur ab und an fällt Regen. Ich weiss nicht mehr, was Strümpfe sind, wir tragen Sommerkleidung.

Die Farben hier im Dorf. Dieses satte Grün. Das Gelb und Rot der Büsche und Blumen. Dazwischen die blauen Häuser. Nicht sattsehen wollte ich mich heute an diesen Farben.

Den bald folgenden Abschied von den Kindern verdränge ich noch weitgehend. Es ist so selbstverständlich, dass sie immer da sind. Ich höre sie, ich sehe sie. An einem Sonntag wie heute geniesse ich meine Ruhe, doch spätestens am Nachmittag werde ich die kleinen Gesellschafter aufsuchen ... immer spannend, wer einem wo begegnet. ist das Zentrum der Spielplatz, oder wuseln sie bei der Küche oder in einer Rotunda rum? Sind sie am Fussballplatz oder hinten beim Farmhaus? Spielen sie im Eingangsbereich bei den Autos, oder schiessen sie gleich auf den Fahrrädern an Dir vorbei?

Heute waren die Mangobäume still, nachdem sie in dieser Woche vielstimmig gesprochen hatten - bis zu drei Kinder klettern auf solch einen Baum: "'s ist Mangozeit, und die Mangos leuchten weit und breit". Ich nenne sie die "Mangomonster", die Kids, die eigentlich von morgens bis abends am Mangoessen sind. Und "little monkeys" nenne ich diejenigen, die barfuss die Bäume raufklettern und geschickt die Mangos pflücken oder Aeste schütteln. Die Kinder essen die Mangos fast so wie wir Aepfel essen - beissen hinein und saugen aus, wenn auch die Schale nicht mitgegessen wird. Die schmeisst man einfach hin. Und den Mangokern auch. Afrika.

Die Kinder. Es war so spannend, sie in den vergangenen fast vier Monaten nach und nach kennenzulernen. Zunächst kann ich sie nicht auseinanderhalten, fast alle haben Glatzen. Jungs sehen aus wie Mädels, wenn sie schöne Augen haben. Mittlerweile weiss ich sehr wohl, dass die zwei mit den schönsten Augen kleine, sehr charmante Lümmel sind. Wie konnte ich Jesse und John bloss für Mädels halten?

Inzwischen kenne ich viele Kinder bereits an der Stimme, am Gang, am Benehmen. Einige sind mir im Lauf der Zeit mehr ans Herz gewachsen als andere. Einige haben sich sichtbar entwickelt in dieser Zeit. Aus Baby Dan wurde ein süsser kleiner Junge. Linnet nun ohne ihre Zöpfe sieht seltsamerweise viel hübscher aus, kommen ihre Augen nun besser zur Geltung? Und mein kleine King, hin- und hergerissen zwischen King-Elijah und Baby-Elijah - während ich ihn auch mal Clown-Elijah nenne - er ist irgendwie noch hübscher geworden. Wenn auch sein Englisch sich nicht in dem Mass entwickelt hat, wie ich mir das gewünscht hatte. Beispiel: "Elijah - are you King Elijah today or Baby Elijah?". Antwort: "Yes.".

Henrietta hat endlich ihr Schweigen gebrochen. Angestrahlt hat sie mich diese Woche und ist zu mir gerannt, sie weiss doch genau, dass ich sie auf meinen Arm nehme. Und dann hat sie geplappert, nachgeplappert, alle Namen, die ich ihr genannt habe. Ganz deutlich hab ich "Bettina" gehört.

Moses ist immer noch ein Schatz - dieses Lächeln! Und er mag es sehr, wenn ich ihm vorlese. Ich werde ihm das allgemeine Lieblingsbuch schenken, aus dem ich vorlese, Disneys Tiergeschichten. Er liebt es. Die andern allerdings auch. Aber er kriegt's. Hoffentlich bleibt er ein lieber Junge und lässt sich nicht allzuoft allzusehr von seinem Freund aus Haus 9 zu Dummheiten überreden.

Aisha, unser smartes Mädel, hat so viele Talente und Interessen. Manchmal nutzt sie ihre Stellung aus, was ihr den Spitznamen "the Boss" eingebracht hat. Meistens lache ich, wenn ich ihn sage. Sie versteht genau, wie ich es meine.

Mit Isaac und Lillian hab ich am Dienstag, als hier ein Feiertag war, auf der Wiese rumgeflachst. Wir haben Fotos gemacht, u.a. auch von meinem berühmten knallroten Schmuckkästchen, das mir als Kamerahülle dient und selbstverständlich das Interesse eines jeden Kindes erweckt. Sie sind beide ganz einfach reizend, sehr liebenswert. Isaac und Lillian. Ich werde sie ganz schrecklich vermissen. Ich verdränge es.

Die Schulbibliothek sieht gut aus. Meine Arbeit wurde wertgeschätzt. Nächste Woche machen wir "Library Days", um Lehrern und Schülern die renovierte und erweiterte Bibliothek näherzubringen.

Ich habe mich bereits von Dorte und Tage Budolfsen verabschieden müssen. Sie besuchen ihren Sohn im Ausland. Schneller, nicht geplanter Abschied ist nicht schlecht. Keine Zeit, sentimental zu werden.

Terrorwarnungen in Deutschland. Im tiefsten Uganda bin ich mitten in Deutschland.

Bei Sam wurde versucht einzubrechen, nachts. Sam ist zwei Meter gross, sehr stark, sportlich, ein Wächter bei Kids of Africa. Die beiden Einbrecher wollten Geld oder ein Handy, viel mehr besitzen die Menschen in Kaoku nicht an Wertsachen. Sam ist dem Dieb nachgerannt, der zweite Dieb war bereits geflüchtet. Sam ist gestürzt und hat mit dem Einbrecher gekämpft. Die Nachbarn, andere Leute kamen ihm zu Hilfe. Sie übernahmen und prügelten den Dieb bis in die Morgenstunden. Als die Polizei kam, ist der Einbrecher noch auf dem Weg zum Krankenhaus seinen Verletzungen erlegen.

Afrika ist nicht meine Heimat. Und wird es auch nicht werden. Es ist oft faszinierend und mitunter erschreckend. Kids of Africa erscheint mir wie eine Oase. Farbig. Saftig. Warm mit schattenspendenden Bäumen. Ein Ort, an dem man sich wohlfühlen darf.

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen